11.09.2020

Fußball in Taiwan: Wo die Bindung zwischen Fans und Spielern noch gelebt wird!

Von Alexander Hirschle, GTAI Taipei

In Zeiten heftig geführter Diskussionen um die Kommerzialisierung des Fußballs, um Ultras und die Rolle des Sports in Coronazeiten bietet Taiwan ein interessantes Gegenkonzept. Die heimische erste Liga war eine der ganz wenigen weltweit, die während der grassierenden Pandemie komplett durchgespielt und ihren regulären Betrieb ohne umfassende Abänderungen des Rahmenterminkalenders durchgezogen hat. Denn die Insel hat das Virus sehr gut unter Kontrolle, gilt als eines der ganz großen Musterbeispiele für eine gut organisierte Eindämmung der Ansteckungsraten.

Taiwan, das sich sonst fußballerisch in der Diaspora befindet (Nationalsport Nummer eins ist mit Abstand Baseball), kam so erstmalig im größeren Stil auf den Radar der internationalen Fanszene in Anbetracht ansonsten nicht vorhandener Alternativen. Als Fußballnarr begebe auch ich mich daher ab und an zu Spielen der „Taiwan Football Premiere League“.

Kassenzettel als Eintrittskarte

Man merkt sofort am Eingang, dass hier alles noch sehr „Grassroot“ ist, Fußballpuristen würden sich ergötzen an diesem Szenario. Keine Warteschlangen, kein Abtasten durch Sicherheitspersonal, keine überhöhten Eintrittspreise. Im Gegenteil: der Obulus für das Liveerlebnis ist die Abgabe von fünf Kassenzetteln. Ja, richtig gelesen. Kassenzettel. Denn diese haben in Taiwan zur Vermeidung von Steuerhinterziehung jeweils eine Nummer, mittels derer im monatlichen Abstand an einer Verlosung teilgenommen werden kann. Man gibt daher als Eintritt die (geringe) Chance auf einen (im Regelfall kleinen) Gewinn ab. Smartes Konzept. Blöd nur, wenn man keine fünf Zettel hat wie ich beim ersten Besuch und dann noch schnell einkaufen muss. Aber man wäre vermutlich auch so durchgekommen, Taiwaner sind gegenüber Ausländern rücksichtsvolle und äußerst freundliche Gastgeber.

Um Sitzplätze muss man sich bei Fußballspielen der taiwanischen Liga nicht streiten. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass Baseball und nicht Fußball der Nationalsport Taiwans ist.

Hervorragend auch, dass man sich nicht um Sitzplätze streiten muss. In Taiwan sind seit Juli wieder Zuschauer zugelassen bei Fußballspielen, das ist toll. Weniger toll ist, dass aber auch nur ein paar Hundert jeweils zu den Premiere League-Spielen kommen. Zumindest halbvolle Stadien gibt es nur bei der asiatischen Version der Champions League, wo es dann im internationalen Wettstreit um die Ehre der Insel geht.

Anpfiff!

Das Spiel beginnt. Die Mannschaft aus Kaoshiung hat einen einsamen Rufer mitgebracht, der im Stile von „Gladbach-Manolo“ zwar nicht mit der Trommel, aber mit seiner Stimme für etwas Anfeuerung sorgt. Nervt jedoch auf Dauer, so eine „Ein-Mann-Fankurve“. Egal. Erste Verletzungen und gelbe Karten. Im Mittelpunkt: Der Spieler mit der Nummer 2 von Hang Yuan, Judelin Aveska, seines Zeichens ein Haiti-Argentinier und Star der Mannschaft. Früher hat er für River Plate Buenos Aires gespielt und für Haiti Länderspiele bestritten, unter anderem gegen Spanien mit Sergio Ramos und Fernando Torres. Heute bringt er im fußballerischen Herbst seine Erfahrung in taiwanische Teams ein –  ein Konzept, dem auch andere Kicker aus aller Herren Länder folgen. Vorwiegend Japaner, aber auch Südamerikaner aus den wenigen Staaten, die mit Taiwan aufgrund der politischen Sonderlage noch diplomatische Beziehungen pflegen.

Die Maximalzahl an Ausländern wurde auf fünf pro Team begrenzt, um lokale Spieler besser fördern zu können. Das Niveau der Liga bewegt sich zwischen Regionalliga im technischen Bereich und Bezirksklasse was den Abschluss betrifft. Ein Problem, das viele asiatische Fußballnationen plagt: die technischen Fertigkeiten sind sehr ausgeprägt, doch beim Abschluss fehlt der „Punch“ – und genau aus diesem Grund steht es zur Halbzeit noch 0:0.

Die Verpflegung ist spärlich, besser gesagt nicht existent. Es gibt keine Bierstände oder Würstchenbuden – auch keine Dumplingstände oder ähnliches. Aus diesem Grund hat man Chips, sein Wasser und kalten Kaffee (in Taiwan durchaus gängig) schon im Vorfeld besorgt und mitgebracht. Der Fokus in Taiwan liegt eher auf Fußballgenuss, weniger auf Alkoholkonsum. Aber wenn jemand eine Büchse Bier mitbringen würde, wäre dies wohl auch kein Problem. Die Stadienkatakomben und Toiletten sind bekannt, denn in der gleichen Arena trainiere ich mit meinem Freizeitteam jeden Mittwoch. Man stelle sich das gleiche in Deutschland vor. Man sitzt am Samstag beim BVB im Stadion und bolzt selbst unter der Woche an gleicher Stelle mit seinen Kumpels …

Schwarze Rauchschwaden

 

Die zweite Halbzeit bleibt ebenfalls größtenteils ereignisfrei, nur ein Großbrand in einer nahegelegenen Lagerhalle erhitzt die Atmosphäre und die Gemüter. Zum Glück steht der Wind günstig, so dass die beeindruckenden Rauchschwaden nicht in Richtung Spielfeld ziehen. Das Match kann beendet werden und es springt dabei ein leistungsgerechtes torloses Unentschieden heraus. Hang Yuan konnte den Anschluss an die Spitzengruppe halten, aber der Sprung an Spitze wurde verpasst. Letztes Highlight ist dann der Weg aus dem Stadion. Am Ausgang stehen alle Spieler des Heimteams Spalier und bedanken sich per Handschlag und High-Five bei jedem einzelnen Zuschauer. Auch hier schießt der Gedanke durch den Kopf wie es in München wäre, wenn einem auf dem Heimweg noch schnell Neuer, Müller und Lewandowski die Hand zum Abschied schütteln würden… Hier in Taiwan sind die Stars wirklich noch zum Anfassen, hautnahe Bindung zu den Fans wird aktiv gelebt. Ich werde definitiv wiederkommen!