04.09.2020

Moskau: Abschied von einem Kultgefährt

Von Gerit Schulze, GTAI Moskau

Moskau war nie der ideale Ort für nostalgische Stimmungen. Zu schnell wird hier Vergangenheit und manchmal selbst die Gegenwart mit der Abrissbirne zermalmt. Die Geschwindigkeit, mit der sich Russlands Hauptstadt wandelt, finde ich seit jeher atemberaubend; sie macht den Aufenthalt in diesem Moloch so spannend. Nun hat es ein weiteres Symbol der alten Zeit getroffen – den Trolleybus.

Einst war das Moskauer Netz der Oberleitungsvehikel selbstverständlich das größte der Welt – schließlich liebt Russland den Superlativ. Auf einer Strecke von 600 Kilometern fuhren zu Stoßzeiten bis zu 1500 O-Busse. Der schleichende Abschied kam mit dem Amtsantritt von Bürgermeister Sergej Sobjanin, der seit einem Jahrzehnt die Geschicke der Hauptstadt bestimmt und einen radikalen Stadtumbau betreibt. Häppchenweise ließ er Linie für Linie vom Netz nehmen, doch die Nacht- und Nebelaktion am 25. August 2020 kam für mich trotzdem überraschend: Innerhalb eines Tages wurde der gesamte verbliebene Trolleybus-Verkehr eingestellt und alle Fahrzeuge gegen Diesel- und Elektrobusse ausgetauscht.

Kleine Nostalgieroute bleibt bestehen

Für Nostalgiker bleibt lediglich eine kleine Route vom Platz der Drei Bahnhöfe (Komsomolskaja ploschtschad) bis zur Noworjasanskaja uliza erhalten, auf der ab September zwei Retro-Trolleybusse aus den 1960er Jahren verkehren. Das sei ein „Zeichen des Respekts“, ließ das Bürgermeisteramt verlauten. Denn so recht trauen die Stadtherren und -frauen ihrer Hauruckaktion wohl selbst nicht.

Schließlich waren die blau getünchten Trolleybusse jahrzehntelang ein beliebtes Fortbewegungsmittel für die Kurzstrecke, etwa von der U-Bahn bis ins Wohnsilo. Außerdem waren sie abgasfrei und geräuscharm. Die Stimmung in einem Trolleybus empfand ich immer irgendwie anders als in normalen Bussen oder Straßenbahnen. Die durchgesessenen weichen Polstersitze hatten etwas von der heimischen Couch. Die leise Fahrt war ein angenehmer Ruhepol im tosenden Großstadtlärm.

Wohl auch deshalb kämpft eine eigene Bürgerinitiative „Moskauer für den Trolleybus“ (http://mzt-moscow.org) bis heute für den Erhalt des Oberleitungsnetzes. In sozialen Netzwerken klärt sie über die technischen und wirtschaftlichen Vorteile der Drahtbusse auf. Und im Moskauer Stadtparlament wirbt eine Gruppe Abgeordneter für das Verkehrssystem aus sozialistischen Tagen. Ihr Argument: Die Trolleybusse seien „eine Visitenkarte“ Moskaus und ein Symbol wie die roten Doppeldecker in London.

Erste Linie schon 1933 eröffnet

Die erste Trolleybus-Linie in Moskau wurde im November 1933 eröffnet und führte vom Weißrussischen Bahnhof zum Stadtteil Sokol. Ein stürmisches Wachstum verzeichnete das Fortbewegungsmittel dann in den 1950er und 1960er Jahren. Erfolgreich verdrängte der Trolleybus die Straßenbahn aus dem Stadtbild.

In dieser Zeit setzten große Barden wie Bulat Okudschawa dem Gefährt künstlerische Denkmäler. In seinem „Liedchen vom Mitternachtstrolleybus“ besingt der Chansonnier einen blauen Oberleitungsbus, der die verzweifelten Moskauer Nachtschwärmer einsammelt und ihnen Rettung bringt. .
Rockiger geht es im Song „Trollejbus“ von Kultsänger Wiktor Zoi zu. Darin fährt der Rockstar in einem fahrerlosen O-Bus Richtung Osten, schweigend, an die Decke starrend.

Auch auf der Kinoleinwand fuhr sich das Transportmittel in die Herzen der Zuschauer. Im legendären Streifen „Perwy trollejbus“ (Erster Oberleitungsbus) steuert die junge Swetlana ein solches Gefährt souverän durch die Großstadt und widmet sich zugleich leidenschaftlich den Schicksalen ihrer Passagiere.

Selbst zum Verlauf der jüngeren russischen Geschichte trug der Trolleybus sein Schärflein bei: Beim Augustputsch 1991 wurden massive Barrikaden aus den schwer beweglichen Bussen errichtet und schützten unter anderem das Weiße Haus in Moskau (Fotostrecke: https://billy-red.livejournal.com/496705.html).

Ruckelige Fahrt mit häufigen Zwangsstopps

Trotz aller Melancholie – ich habe die Gefährte nie besonders gemocht. Das dichte Netz der Oberleitungen störte besonders im Zentrum den Blick auf die historischen Altbauten. Die Fahrt war ruckelig, die häufigen Stopps nervig und meist steckten die Elektrobusse ebenso im Stau wie alle anderen Verkehrsmittel.

Im Winter zog eisiger Wind durch Fenster und Türen. Oft sprang der Stromabnehmer in Kurven oder bei Luftweichen aus der Oberleitung (Experten sprechen von „Entdrahtung“). Die Fahrer mussten dann ihre Handschuhe überstreifen und mit den Fangseilen am Heck des Busses umständlich den Greifarm wieder in die Leitung einfädeln. Ging das nicht, half nur noch die Teleskopstange mit isoliertem Haken. Das war jedes Mal ein Schauspiel, hat die Fahrtzeit aber weiter verzögert. Legendär sind die Bilder, auf denen Fahrgäste im Kollektiv aus der Spur geratene Trolleybusse wieder zurück unter die Oberleitung schieben.

Viele der neuen Busse fahren ebenfalls elektrisch – doch der Strom kommt mittlerweile aus der Batterie.

Moskau kauft 2.500 Elektrobusse ein

Solche Szenen sind nun passé. Schon jetzt kurven 450 Elektrobusse mit Batterieantrieb auf den einstigen Trolleybusstrecken. Bis 2024 sollen es 2.600 sein. Die Fahrzeuge stammen von den russischen Herstellern Kamaz und GAZ. Schnellladestationen an zentralen Bahnhöfen sorgen für Energienachschub. Und selbst die eisigen russischen Winter scheinen die Batteriemodelle gut zu überstehen.

Doch wie so oft ist Moskau auch mit dieser Technologie eine Ausnahme in Russland. Andere Großstädte zwischen Kaliningrad und Wladiwostok setzen weiter auf den O-Bus. Die ausrangierten Moskauer Modelle werden nach Saratow und Nischni Nowgorod verkauft. Und Russlands „Fenster nach Europa“ – Sankt Petersburg – bekommt im Rahmen der „Modernisierung des Personennahverkehrs“ sogar 2.500 neue Trolleybusse. Für nostalgische Stimmungen war die Newametropole schon immer besser geeignet als das fortschrittsgläubige Moskau.