19.08.2020

Das Opferlamm per Mausklick

Von Frank Malerius, GTAI Jakarta

Das Opferfest ist der höchste Feiertag des Islam. Es gedenkt der aus der biblischen Überlieferung bekannten göttlichen Probe, bei der Prophet Ibrahim bereit war, seinen Sohn zu opfern. Doch dem wurde Einhalt geboten, und so schlachteten beide aus Dankbarkeit einen Widder, dessen Fleisch sie Bedürftigen reichten. Noch heute dient es dem sozialen Ausgleich: Wohlhabende spenden Opferfleisch für die Armen.

In Indonesien war das am 31. Juli gefeierte Opferfest wieder eine wohlorganisierte, wenngleich blutige Angelegenheit. Hier dauert es, anders als in anderen muslimischen Ländern, nur einen Tag. Überall im Land boten Händler an offiziell ausgewiesenen Plätzen (1.272 alleine in Jakarta) Opfertiere feil. Für die gläubige Mittelschicht ist es Pflichtaufgabe, eines zu erwerben und das Fleisch der bedürftigen Nachbarschaft zu überlassen. Die Tiere werden mit einem gezielten Schnitt durch die Kehle getötet, dann zerlegt und portioniert den Empfängern zugeteilt. Etwa 1,8 Millionen Opfertiere sollen diesmal geschlachtet worden sein: 850.000 Ziegen, 550.000 Rinder und 400.000 Schafe.

Das Opferlamm: Per Onlinebestellung portioniert zum Empfänger. (Für Vollbild auf das Bild klicken)

Obwohl das Opferfest tief in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft Indonesiens verankert ist, gibt es im städtischen Leben gewisse Entfremdungstendenzen. Nicht jeder hat im Alltag Bedürftige im Blickfeld oder ist noch Teil einer Nachbarschaftskultur. Doch ihnen ermöglicht moderne Technik, Traditionen zu wahren. Beispielsweise über E-Commerce-Plattformen. So werden auf Tokopedia (eine Art indonesisches Amazon) neben Unterwäsche und Haushaltselektronik auch Opfertiere angeboten: etwa mit Photoshop aufgehübschte Lämmer auf saftigen Wiesen. Ein Fingertipp auf dem Handy – und schon ist der religiösen Pflicht Genüge getan. Der Anbieter übernimmt Schlachtung und Verteilung. Als Beweis für die ordnungsgemäße Verwendung bekommt der Käufer Snapshots von der Übergabe des Fleisches an die Empfänger. Allerdings ist nicht jeder zum nötigen Vertrauensvorschuss bereit.

Volle Teller dank internationalem Handel

Zum Opferfest wird aber nicht nur Fleisch gespendet, sondern es kommen auch Familien zum gemeinsamen Essen zusammen. Man könnte es auch zum Gedenktag des internationalen Handels machen, denn ohne Importware würden in dem riesigen Archipel mit seinen fruchtbaren Böden die Tische leer bleiben. Denn das Opferrind könnte zu den jährlich mehr als einer halben Million lebend eingeführten Artgenossen aus Australien gehören. Deren Fleisch wird gerne zum Nationalgericht Rendang zubereitet, bei dem die oft verwendete Milch womöglich aus Neuseeland aber durchaus auch aus Deutschland (Exportwert 2019: 55 Mio. US$) stammen könnte. Weiterer Bestandteil ist Knoblauch, der mangels eigenen Anbaus fast ausschließlich aus China bezogen wird. Abgeschmeckt wird – trotz 55.000 Kilometern Küstenlinie – mit Salz aus Indien.

Der Reis in der Schale kommt, wenn die eigene Ernte schlecht war, teils aus Myanmar. Wer stattdessen Instantnudeln bevorzugt, entscheidet sich für Weizen aus Kanada oder der Ukraine. Der Zucker der süßen Nachspeise kommt mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit aus Thailand. Indonesien ist weltgrößter Zuckerimporteur. Wer kein Opferfleisch abbekommen hat und mit einem Zuchthuhn vorlieb nehmen muss, hat endlich ein heimisches Produkt auf dem Teller. Allerdings: Dessen Vorfahren (der sogenannte Parent- und Grand Parent Stock) könnten aus den USA importiert worden sein.

Fairerweise sei angemerkt: Deutschland muss zur Weihnachtszeit seine Orangen und Walnüsse ebenfalls aus Allerherrenländer importieren. Und der Kakao der Schokolade unterm Tannenbaum kommt möglicherweise aus Indonesien. Das in ihr enthaltene Palmöl, das sie so schön auf der Zunge zergehen lässt, sogar ganz bestimmt.