17.07.2020

Kontakt- und bargeldlos durch London

Von Robert Scheid, GTAI London

Gerade in Zeiten von Corona habe ich mich gefragt, wie zeitgemäß eigentlich noch zumeist keimbelastete Geldscheine und Münzen sind. Ich zumindest bin dankbar, dass elektronische Zahlungssysteme in London mittlerweile so weit verbreitet sind, dass ich seit Monaten keine zerknitterten Banknoten antasten musste. Vor einem Jahr habe ich sogar mein klassisches Portemonnaie gegen ein einfaches Kreditkartenetui getauscht.

Bares wird Rares

Tap-to-Tip: Auch Londoner Straßenmusiker können mittlerweile bargeldlos unterstützt werden

Egal wo man in London unterwegs ist – von Supermärkten bis hin zu Straßenmärkten – gibt es immer mehr Geschäfte, die kein Bargeld annehmen. Und gerade in Corona-Zeiten beschleunigt sich der Prozess. In den Pubs sind oft direkt an der Theke Kartenleser im 1-Meter-Abstand voneinander montiert. Sogar Straßenmusiker sind mit der Zeit gegangen und haben mittlerweile eigene Lesegeräte auf einem Stativ positioniert.

Kartenzahlungen gehen auf der britischen Insel in der Regel deutlich einfacher vonstatten als in Deutschland. Sofern die Gesamtsumme 45 Pfund nicht übersteigt, kann man die Kreditkarte einfach an das Gerät halten und ohne PIN in Sekundenschnelle zahlen. „Just tap“ hört man überall.

Manchmal kommt es jedoch zwischen den alten und neuen Zahlungswelten zu unerwarteten Konflikten. Ein Beispiel: Die Pubquiz-Kultur war zumindest vor der Pandemie in weiten Teilen des Landes stark ausgeprägt. Man konnte jeden Abend ein neues viktorianisches Pub aufsuchen und sein Allgemeinwissen testen. Meine Wahl war mittwochs im Londoner „The Brownswood“. Dort bezahlt man 2 Pfund pro Person – Cash Only – um am Quiz teilnehmen zu können, das beste Team gewinnt den Pot. Einmal wollten wir mit unserem wohlverdienten Gewinnen eine Runde für die Mannschaft ausgeben, doch der Pub akzeptierte kein Bargeld. Am Ende doch verloren.

Tap-tap-tap, all the way home

Nach einigen Monaten in London hatte ich in meiner Urlaubseuphorie mein Portemonnaie im Bus auf dem Sitz liegen lassen – in der Schweiz. Alle meine Contactless-Karten … weg! Während des Fluges dachte ich nur: Wie komme ich nach Hause? Wie bezahle ich im Supermarkt? Ich geriet in eine leichte Panik. Glücklicherweise hatte ich aus Neugier noch kürzlich ein neues Feature meines Smartphones getestet und meine Kreditkarte mit diesem verbunden. Auf diese Weise könnte ich im Supermarkt und in allen Restaurants zahlen. Soweit so gut. Aber wie würde ich mit der Tube (Londoner U-Bahn) ohne meine Fahrkarte, die so genannte Oyster Card, nach Hause kommen?

Nie wieder Kleingeld für den Automaten suchen: Die Londoner U-Bahn kann problemlos auch mit dem Smartphone (und dazugehöriger Kreditkarte) genutzt werden

Interessanterweise gelten selbst die 2003 eingeführten Oyster Cards, die seitdem die Papier-Fahrkarten ersetzt haben, inzwischen als veraltet. Zu meiner Freude stellte ich fest, dass man Tube- und Busfahrten ebenfalls kontaktlos bezahlen kann. Handy kurz dranhalten, Schleuse öffnen, durchlaufen. Das war’s. Glücklicherweise kann man auch in diesem Fall Bezahlsysteme wie Apple Pay (genauso wie Samsung oder Google Pay) nutzen. Also „tap in, tap out“.

Pounds und Pence für Anfänger

Das kontaktlose Bezahlen vereinfacht den Alltag in London ungemein und ist zweifellos hygienischer als Bargeld. Ein peinlicher Nebeneffekt der Digitalisierung der Zahlungsgewohnheiten: Nach fast zwei Jahren in London kann ich mich kaum noch an den Wert vieler Pence-Münzen erinnern. Die schweren Ein- und Zwei-Pfund Geldstücke sind leicht zu erkennen, aber was ist mit der eckigen Münze? Einmal habe ich aus Versehen versucht mit einer Schweizer-Franken-Münze zu bezahlen. Papiergeld ist zwar leichter, aber auch hier kann man sich schnell verwirren lassen. Im Umlauf sind zum Beispiel unterschiedliche schottische Noten (überall akzeptiert) und alte 10-Pfund Scheine (nicht akzeptiert). Glücklicherweise muss man sich hierzulande immer seltener mit derartigen Problemen auseinandersetzen.