01.07.2020

Corona in Beijing: Leben im Covid19-Modus

Von Stefanie Schmitt, GTAI Beijing

China war es mit Hilfe rigoroser Restriktionen gelungen, die Zahl der Infektionen massiv nach unten zu drücken: Im Mai gab es nur noch 202 lokale Neuinfektionen plus 86 „importierte“ Fälle, was die staatliche Presse stolz titeln ließ, die Welt möge von China lernen. Doch inzwischen ist wieder alles anders. Das Land befindet sich wieder in höchster Alarmbereitschaft, oder, wie die Verantwortlichen sich ausdrücken, „im Krieg“ gegen das Virus.

Denn ausgerechnet in der Kapitale war am 11. Juni – nach 57 infektionsfreien Tagen in Folge – erstmals wieder ein lokaler Fall aufgetreten. Innerhalb einer Woche schnellte die Zahl der Infizierten dort auf knapp 160 hoch. Die Politik reagierte prompt: Die betroffenen Bezirke wurden abgeriegelt, Reisebeschränkungen erlassen, Schulen wieder geschlossen.

Alle werden wieder eingeschlossen

Wir persönlich sind zwar nicht direkt betroffen, denn die beiden Hotspots des neuen Ausbruchs, zwei Großmärkte, befinden sich weit weg von uns. Aber wir werden alle wieder eingeschlossen. Als ich Anfang Juni das erste Mal wieder ohne Maske auf der Straße war, kam ich mir richtig revolutionär vor. Jetzt ist wieder Maskenzwang. Bei bis zu 40 Grad Hitze.

Gehören mittlerweile zum Alltagsbild: Wärmebildkameras, mit denen die Körpertemperatur aus der Distanz gemessen wird

Seit 1. Mai durften wir Ausflüge außerhalb Beijings machen. Vorbei. Wer jetzt Beijing verlässt, muss zunächst an den meisten Zielorten für zwei Wochen in Quarantäne, andere verlangen einen negativen Coronatest. Aber seit letztem Wochenende sind frische negative Covid-19-Tests für alle, die die Hauptstadt verlassen wollen, ohnehin verpflichtend (ein schwacher Trost, dass die Stadtregierung im gleichen Atemzug die Testpreise erheblich gesenkt hat). In Beijing selbst haben sie wieder vieles, was vorsichtig geöffnet worden war, geschlossen (Museen, Schwimmbäder – aber die waren für Ausländer ohnehin nicht zugänglich, Parks, selbst Berge …).

Meine Tochter macht jetzt Zimmerferien. Aber sie ist tapfer. „Mama, mach dir keine Sorgen. Ich komm schon zurecht.“ – Sie lernt Deutsch an der Fernschule, ein Drittel der 7. Klasse hat sie schon fast durch, Chinesisch, guckt koreanische Seifenopern und chattet mit ihrer Freundin, die sie nicht sehen darf, weil deren Eltern zu den Supervorsichtigen gehören (erlaubt wäre es).

Fremdenfeindlichkeit hat zugenommen

Dagegen sitzt mein Mann nach wie vor in Deutschland fest; wir versuchen, denn die Sehnsucht ist groß, ihn auf einen dieser Sonderflüge nach Qingdao zu bekommen, die im Juli nochmals von der AHK organisiert werden (Flüge aus dem Ausland nach Beijing gibt es schon seit Monaten nicht mehr). Das ist die einzige Möglichkeit, denn sein Visum gilt ja nicht mehr für die Einreise. Aber erstens gibt es Tausende Bewerber für 600 Plätze – und Vorrang hat die Wirtschaft – und zweitens sind wir innerlich völlig zerrissen, ob wir ihm das wirklich antun sollen. Ein Berg unerfreulicher Formulare, 14 Tage Quarantäne-Einzelhaft bei miserabler Verpflegung und ohne Fenster, die man öffnen kann. Und dann hier die Gluthitze und die enorm gestiegene Fremdenfeindlichkeit.

Die Propaganda hat voll gewirkt. Am Sonntag, den 14. Juni, wollte ich mit zwei chinesischen Bekannten ein Dorf am Fengshan-Berg besuchen. Es war die ganze Woche geöffnet gewesen, just am 14. wurde es verbarrikadiert. Wir hatten alles mit – Pässe, Health Kit – App (ohne das Tracking-System kommt man nirgendwo hin), vergeblich. Nach 80 Kilometern Fahrt war Schluss, nur noch fünf Kilometer hätten uns von unserem Ziel getrennt. Meinen Begleitern wurde freundlich gesagt, es sei geschlossen – wegen der neuen Virusausbrüche. Dann musterte mich der Wachmann von oben nach unten und von unten nach oben und sagte in einem Ton voller Verachtung: „Und für Ausländer sowieso nicht.“

Alles nicht lustig.

Es ließen sich noch Seiten füllen – aber erfreuliches wäre kaum dabei, außer dass eine Freundin von uns in Qingdao sich sofort bereiterklärt hat, sich, falls es mit meinem Mann klappt, um ihn zu kümmern. Und dass uns die Tage beim Radfahren ein Vater mit Sohn beim Überholen zurief: „You are from Germany? Welcome!“