09.05.2019

Wenn der Pool zum Wasserfall wird

Von Alexander Hirschle, GTAI Taipei

Viele Gebäude wie der 101 Tower in Taipei sind so konstruiert, um stärkeren Erdbeben standzuhalten. Wohl dabei ist einem trotzdem nicht unbedingt …

Nach einem recht anspruchsvollen Umzug mitten im Schuljahr von Südkorea nach Taiwan und all den Begleiterscheinungen macht sich eigentlich nach ein paar Wochen die Überzeugung breit, dass man sich langsam aber sicher eingelebt hat am neuen Standort. Aufgrund der intensiven Anfangszeit hat man jedoch wenig Zeit, sich mit den spezifischen Gefahren Taipeis auseinanderzusetzen, wobei in Abwesenheit von Alltagskriminalität an erster Stelle immer das Damoklesschwert „Erdbeben“ genannt wurde im Vorfeld. Doch die Realität sorgt dafür, dass dies schnell und aktiv nachgeholt wird. Nach einem leichten Beben in der Vorwoche hebt mich am 18. April um 13:01 Uhr Ortszeit ein Stoß aus dem Bürosessel. Die nächste Bewegung geht nicht mehr nach oben sondern seitlich, das Gebäude und ich im 19. Stock senken uns leicht in Richtung Fensterfront. Hirn setzt ein. „Erdbeben“. Und ein schwereres. Denn diese machen sich dadurch bemerkbar, dass erst vertikal und dann horizontal „geschaukelt wird“.

Rufe aus dem AHK-Trakt, die Mitarbeiter rennen aus ihren Büros in Richtung Hauptraum. Ausgangstüren werden aufgerissen, da diese sich sonst drohen zu verziehen und man ansonsten eingesperrt sein könnte. Verwandte werden angerufen, eine Mischung zwischen Verängstigung und Galgenhumor. „Welcome to Taipei“ wird mir entgegengerufen. Die Straße vor dem Gebäude hat wohl leichte Schäden. Mehrere Verletzte im Epizentrum östlich von Taipei, wo das Beben eine Stärke von 6,1 hatte. In Taipei immerhin noch von mehr als 4,0. Viele Kollegen meinen, so eines hätten sie in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht mehr erlebt. „Gut“, denke ich, „wenn es jetzt wieder 10 Jahre dauert bis zum nächsten Mal ist das in Ordnung“.

Es beginnt mit einem schaukelnden Brotregal

Doch ich sollte schnell eines Besseren belehrt werden, zumindest was mich meine Person angeht. Vier Tage später breche ich am Ostermontag auf meine erste Dienstreise nach Manila in die Philippinen auf, ebenfalls eine „heiße tektonische Zone“. Ein paar Stunden nach Ankunft und einem ersten Antrittsbesuch bei der örtlichen Handelskammer gehe ich wieder zurück zum Hotel. Überlege mir kurz, direkt aufs Zimmer zu gehen – verspüre aber leichten Hunger und beschließe, im Eingang zur Shopping-Mall direkt nebenan die dort im Eingangsbereich gelegene Bäckerei aufzusuchen. Als ich an der Kasse stehe und mein Geld auf den Tresen lege, starren mich beide Verkäuferinnen entsetzt an. Zunächst denke ich, kulturell in eines der mir nicht bekannten Fettnäpfchen getreten zu sein oder dass irgendetwas im Gesicht hängt, was dort nicht hingehört. Bis ich bemerke, dass die beiden Damen nicht auf mich sondern hinter mich blicken. Als ich mich umdrehe sehe ich, wie das Brotregal bedenklich hin- und herschaukelt. Danach wandern die Blicke – nun auch der anderen Kunden – an die Decke, wo die Lampen anfangen heftig zu schwanken. Irgendjemand presst „Earthquake“ durch die gespenstische Stille, die jedem Thriller zur Ehre gereichen würde. Nur die dramatische Musik fehlt. Aber diese wird prompt kompensiert dadurch, dass der Boden anfängt sich zu bewegen. Die eigenen Gedanken reagieren recht rational. Als erstes schießt durch den Kopf, dass dieses Beben wirklich heftig sein muss, wenn man es auch im Erdgeschoss derart spürt. Als zweites räume ich mein Wechselgeld in die Hosentasche und bemerke im linken Augenwinkel wie sich immer mehr Menschen hektisch in Richtung Ausgang der Mall bewegen.

Die Überlebensinstinkte setzen ein

Lemmingartig folgt man dem Strom bis man draußen steht und dann wieder zu Sinnen kommt – dass dies eigentlich das Falscheste ist, was man machen kann. In jedem „Erdbebenratgeber“ wird bestätigt, man solle in – sicheren – Gebäuden bleiben, unter Tischen, Streben oder Portalen. Aber woher wissen, ob dieses Gebäude sicher ist? Instinktiv drängt man an die Luft, in die vermeintliche Freiheit – die allerdings todbringend sein kann aufgrund potenziell umstürzender Strommasten, Glassplittern die zu Geschossen werden und Gebäudeteilen die einen von oben erschlagen.  Aber die Urangst, lebendig begraben zu werden ist größer und scheinbar auch bei den meisten philippinischen Mitbürgern ähnlich ausgeprägt.  Aber nach ein paar Minuten im Freien auf dem sich ständig weiter mit Menschen füllenden kleinen Park vor dem Hotel „Ascott Makati“ überlege ich es mir anders und versuche doch noch ins Hotel zu kommen. Doch ich werde dort abgewiesen mit dem Hinweis, dass alles evakuiert würde und es keinen Zugang mehr gibt. Also abwarten zwischen der wachsenden Menge an Einheimischen, die versuchen trotz überlastetem Netz ihre Verwandten zu kontaktieren, wild gestikulieren, ihre Unsicherheit durch Lachen übertünchen oder einfach nur konsterniert auf dem Boden sitzen. Denn mittlerweile sind alle Büro- und Wohngebäude sowie die zahlreichen Shopping-Center und Geschäfte komplett geräumt, der Verkehr ist zusammengebrochen. Nichts geht mehr.

Nachdem sich der erste Schock gelegt hat und die Situation unverändert kritisch bleibt, drängen relativ rasch die Überlebensinstinkte an die Oberfläche. Man sondiert die Habseligkeiten, die einem in dieser Situation jetzt weiterhelfen können. Die 0,3-Liter-Wasserflasche ist noch zu einem Drittel gefüllt. Das hält nicht lange. Handybatterie auf 8 Prozent – auch das sieht nicht gut aus ebenso wie die drei Zigaretten in der Schachtel. Pass und Ladegerät im Hotelzimmer, ganz schlecht. Einziger Hoffnungsschimmer: noch ca. 300 US$ als Notration im Geldbeutel, die bei einem etwaigen Shutdown der Stromversorgung und Ausfall elektronischer Zahlungsmöglichkeiten immer weiterhelfen können (Guter Tipp für Geschäftsreisen: Cashvorrat für Notfall immer dabei haben!). Die ersten Gedanken an eine Nacht im Freien, da auch die Dunkelheit hereingebrochen ist. Und das Bewusstsein breitet sich aus, dass man nach drei Stunden in Manila weder die Stadt kennt noch irgendwelche Freunde oder Vertrauenspersonen kennt. Man neigt dazu, sich zu ärgern und sonstwohin zu beißen, eine Dienstreise an einem Feiertag begonnen zu haben und nicht zu Hause bei der Familie in Sicherheit zu sitzen.

Der Burgerstand macht das Geschäft seines Lebens

Glücklicherweise gibt es auf dem Vorplatz einen Hamburgerstand, der – wie ich in den nächsten Tagen beobachten konnte – im Regelfall drei Kunden pro Abend hat. Heute macht er das Geschäft seines Lebens. Auch ich reihe mich ein bevor die Vorräte ausgehen und erstehe einen Hamburger (Stichwort „Essen auf Vorrat“), eine Cola (zum Wachbleiben) und ein Wasser. Das müsste für die nächsten Stunden reichen. Doch mitten im Verzehr des Fleischpflanzerls machen Gerüchte die Runde, dass die Evakuierung bald aufgehoben wird. Tatsächlich öffnet das Hotel wieder die Pforten für die Gäste – allerdings sind quasi keine Angestellte mehr anwesend. Egal – das Zimmer fühlt sich gut an nach ein paar Stunden Abwesenheit und dem Beweis, dass Einstein mit seiner Relativität der Zeit durchaus nicht falsch lag.

Die Nacht ist wegen diverser Nachbeben und der Anspannung recht kurzweilig und wenig schlafintensiv. Am nächsten Morgen die Nachrichten auf CNN Philippines: Stärke 6,4, mehrere Tote, ein Flughafen im Norden Manilas stark beschädigt und gesperrt. Und die Headline: „Waiting for the big one“ – angeblich gab es in Manila seit geraumer Zeit kein gigantisches Beben mehr und es sei nun nur noch eine Frage der Zeit, bis dies geschehen wird. Die Metropole liegt direkt über dem pazifischen Feuerring und gilt als hochgradig gefährdet. Die Forderungen nach höheren Sicherheitsstandards in Gebäuden werden laut und sollen den Nachrichten zufolge jetzt auch umgesetzt werden sollen. Da kommt schon wieder der Marktanalyst durch. „Passt gut in die Rubrik Bauwirtschaft. Gute Marktchancen für deutsche Firmen!“ – so verarbeitet das Korrespondentenhirn die Information.  So auch nachzulesen im nächsten „Branchencheck Philippinen“. Eine schwer erkämpfte Zeile. Hoffentlich nicht viel mehr davon!