19.03.2019

Beijing – Stadt der Superlative

Von Stefanie Schmitt, GTAI Beijing

Eigentlich mag ich Beijing nicht, jedenfalls nicht das heutige. Ich mochte das alte Beijing mit seinen Hutong-Vierteln, wie ich es noch in den 80er-Jahren kennengelernt hatte. Doch dieses Beijing gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch monumentale Hochhäuser, die sich in vielfach gleicher Ausführung an genauso monumentale Straßenzüge reihen. Wie grandios musste Beijing aber erst gewesen sein, als seine Stadtmauer noch stand – deren Abriss war allerdings schon 1978 quasi abgeschlossen. Von den einst rund 40 Kilometern sind nur noch Bruchstücke vorhanden.

Trotzdem muss ich anerkennen: Beijing ist eine Stadt der Superlative. Zwar gibt es Städte mit mehr Einwohnern (als weltgrößter Ballungsraum gilt die Metropolregion Tokio-Yokohama mit rund 38 Millionen Einwohnern, Chongqing, die einwohnerstärkste chinesische Stadt zählt 30,8 Millionen, Beijing dagegen nur 21,5 Millionen) oder mit einer größeren Fläche (Chongqing, als weltgrößte Stadt, erstreckt sich über 82.402 Quadratkilometer; Beijing verfügt lediglich über 16.410 Quadratkilometer). Auch die welthöchsten stehen Gebäude anderswo. Der höchste Turm der Kapitale, der China Zun, misst „lediglich“ 528 Meter – und das reicht allenfalls für ein „unter ferner liefen“.

720.000 m², 890 Paläste und Pavillons, 8.886 Räume: Die Verbotene Stadt zählt zu den größten und am vollständigsten erhaltenen alten Baukomplexen der Welt.

Aber welche Stadt der Welt kann sieben UNESCO-Welterbestätten vorweisen? Darunter unter anderem die Verbotene Stadt, mit einer Fläche von 720.000 Quadratmetern, rund 890 Palästen und Pavillons sowie laut Wikipedia 8.886 Räumen den größten und am vollständigsten erhaltenen alten Baukomplex der Welt, oder den Kaiserkanal, mit mehr als 1.800 Kilometern die längste je von Menschenhand geschaffene Wasserstraße – ganz zu schweigen von der Großen Mauer, nach Satellitenmessungen ganze 21.196,18 Kilometer lang, womit sie – wenn auch an vielen Stellen nur noch rudimentär vorhanden – hinsichtlich Volumen und Masse definitiv das weltgrößte Gebäude darstellt. Zwar nicht durch den Welterbe-Status geadelt, aber dennoch rekordträchtig ist der Tiananmen-Platz: Mit 396.000 Quadratmetern Fläche ist der Platz des Himmlischen Friedens der größte befestigte Platz der Welt.

Obwohl sehr viele historische Bauten in den vergangenen Jahrzehnten Spitzhacke und Abrissbirne zum Opfer fielen, so stehen doch noch 128 Stätten unter nationalem sowie 357 unter städtischem Denkmalschutz. 161 registrierte Museen gibt es in Beijing, davon 82 kostenfreie. Wer sie besichtigen möchte und sich unterwegs genötigt sieht, ein stilles Örtchen aufzusuchen, kann unter 14.667 öffentlichen Toilettenanlagen wählen.

Bus, Bahn oder Leihfahrrad

Zur Überwindung der zum Teil beträchtlichen Entfernungen stehen fast 30.000 Linienbusse zur Verfügung. Keine Stadt habe mehr, so die zuständige Behörde. Oder man schnappt sich gegen einen kleinen Obolus eines der etwa 1,9 Millionen Leihfahrräder, die sich überall am Straßenrand abgestellt finden. Außerdem verfügt Beijing über ein in Betrieb befindliches städtisches Schienenverkehrsnetz von 636,8 Kilometern – und dieses wird ständig in alle Richtungen weiter ausgebaut (was dort sofort die Immobilienpreise sprunghaft in die Höhe treibt).

Tatsächlich sind auch die Immobilienpreise rekordverdächtig. 2018 kostete ein Quadratmeter Wohnraum im Durchschnitt umgerechnet rund 6.700 Euro, ziemlich genau die Hälfte eines durchschnittlichen Jahresgehalts. Mit anderen Worten – ein Jahr Arbeit reicht gerade einmal zum Kauf von 2 Quadratmetern – und dabei erwirbt der Käufer nicht einmal einen Anteil am zugehörigen Land, sondern lediglich ein zeitlich befristetes Landnutzungsrecht.

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Wer sich das nicht leisten möchte oder kann, dem bleibt zumindest die Möglichkeit, sich in einem der zahlreichen Restaurants mit einem guten Essen trösten. Rund 30.000 Lokale sind offiziell registriert. Beim Essen lässt sich überlegen, bei einem der 53 in Beijing ansässigen World-Top-500 Unternehmen anzuheuern. Nach der Fortune-Liste 2018 nimmt Beijing hierin seit sechs Jahren den Spitzenplatz ein. Oder es lässt sich eine ganz neue Geschäftsidee entwickeln, um zu Reichtum zu kommen. Die Voraussetzungen hierfür können so schlecht nicht sein. Denn mit 131 Milliardären ist Chinas Kapitale die Stadt mit den meisten Milliardären weltweit (Stand 2017, Hurun Report 2018). Dann sollte das mit der Wohnung auch kein Problem mehr sein …