19.02.2019

Indonesiens Millenials wählen – Dildo

Von Frank Malerius, GTAI Jakarta

Der gemeine Mitteleuropäer hat in Indonesien bisweilen das Gefühl, die Einheimischen sehen das Leben zu verbissen. Ein indonesischer Playboy mit bekleideten Models? Nicht pietätvoll genug – Verleger in den Knast. Ein beiläufiges Klagen über einen zu lauten Gebetsruf? 18 Monate Knast. Derzeit ist das indonesische Militär damit beauftragt, landesweit Buchläden und Bibliotheken von kommunistischer Literatur zu säubern. Und das, obwohl die entsprechende Ideologie im Archipel etwa so verbreitet ist wie Malaria in Finnland.

Doch man solle sich nicht täuschen. Wer den indonesischen Sinn für Humor ergründen will, muss in die Sozialen Medien eintauchen – die virtuelle Gegenwelt zum moralinsauren Alltag vor allem für Jüngere. Spaßvögel haben vor den am 17. April stattfindenden Präsidentschaftswahlen ein fiktives Kandidatenduo erschaffen, das es zu einiger Berühmtheit gebracht hat: Nurhadi und sein Running Mate Aldo. Mit dichtem Schnauzbart und der traditionellen malaiischen Kopfbedeckung Peci verkörpern sie den bauernschlauen und volksnahen Indonesier. Sie sind die erfrischende Alternative im bleiernen Wahlkampf der beiden realen Rivalenpaare Widodo/Amin und Prabowo/Uno, deren abgekartetes und glattgebügeltes Fernsehduell die Millennials so gar nicht ansprach.

Kreative Akronyme

Wer die Ironie hinter Nurhadi/Aldo verstehen will, muss die Obsession der Indonesier mit Akronymen kennen. Ihre Sprache ist von ihnen durchsetzt und ohne ihre Kenntnis gar nicht zu verstehen: Es gibt z.B. pemilu (pemilihan umum – allgemeine Wahlen), cawapres (calon wakil presiden – Vizepräsidentschaftskandidat), satpolantas (kesatuan polisi lalu lintas – Vereinigung der Verkehrspolizisten) oder kemenpolhukam (kementerian politik, hukum, dan keamanan – Ministerium für Politik, Recht und Sicherheit). Auch Nurhadi und Aldo haben sich ein Akronym gegeben, hintergründig gebildet aus den jeweils letzten Buchstaben und nur angedeutet und nicht ausgesprochen (denn allzu offen vulgäre Scherze können durchaus im Gefängnis enden). Richtig, Dildo.

Auch Gegner des Spaßwahlkampfes haben sich bereits formiert, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen.

Nurhadi und Aldo bedienen das Spaßbedürfnis der jungen Indonesier und sind gleichzeitig Ausdruck ihrer Unzufriedenheit mit den realen Kandidaten. Und doch wird das virtuelle Kandidatenpaar auch kritisch gesehen. Denn die sozialen Medien mit ihrem manipulativen Potenzial sind zu einem ernsten Problem geworden: Gerade ungebildete Menschen können oft nicht zwischen Parodie und Sachverhalt unterscheiden. Auf sie prasseln im virtuellen Raum unablässig Verschwörungstheorien ein. Und so gibt es dankenswerterweise auch ein Engagement gegen den Spaßwahlkampf, wie etwa die Anti-Hoax-Initiative von Universitätsstudenten, die dazu auffordert, die Wahlen doch bitte ernst zu nehmen. Recht hat sie. Zwar rangiert Indonesien im Demokratieindex des Economist mittlerweile vor den Ländern Südosteuropas (und dem EU-Mitglied Rumänien). Doch gefestigt ist die demokratische Kultur in dem riesigen Archipel längst nicht. Ein bisschen Achtsamkeit jenseits des Spaßes ist deshalb angebracht.

Followerzahl kratzt an der Millionenmarke

Auf Facebook, Instagram und Twitter haben Nurhadi/Aldo bereits rund 800.000 Follower. Und ihre, salopp übersetzt, Man-muss-nur-dran-glauben-Partei erweitert gemeinsam mit ihren Anhängern fortlaufend ihr Wahlprogramm. Darin findet sich etwa das Pflanzen von Stoßdämpfern zur Abfederung von Erdbeben, genauso wie der Anbau von Halal-Hanf. Aber auch – und hier mögen die ersten mitteleuropäischen Mienen gefrieren – ein Pro-Polygamie-Standpunkt. Frauen sollen zur emotionalen Stabilisierung per App die Termine des Ehemannes bei der Zweit-, Dritt- und Viertfrau überwachen können. Humor ist bekanntlich häufig Geschmackssache und indonesischer Humor ist eben noch ein sehr autonomer Raum, der sich nicht für die Zumutungen der realen Welt rechtfertigen muss. Westler gelten da mancherorts allenfalls als Spaßbremsen.