22.10.2018

Halal-Katzenfutter? Aber Hallo!

Von Frank Malerius, GTAI Jakarta

In der notorisch stauverseuchten 10-Millionen-Metropole Jakarta geschieht jeden Sonntagmorgen etwas Unerhörtes: Die Hauptverkehrsader wird für Autos gesperrt. Dann zieht es zehntausende klaustrophobe Städter auf die Nord-Süd-Achse – zum Frühsport, für einen Morgensnack oder zum Einkaufen. In einer Art Jahrmarktstimmung breiten sich auf den Bürgersteigen fliegende Händler aller Art aus, auf der Suche nach einem kleinen Zusatzverdienst. Und im zentralen Freiheitspark schwingen Frauen mit Kopftuch und Leggings, von einem Vorturner choreografiert, zu heißem Latino-Pop die Hüften.

Halal-Katzenfutter: Auch an die „frommen“ Hauskatzen in Indonesien wird gedacht

Zwischen den zahllosen mobilen Essenständen findet sich Vertrautes: So bietet etwa ein junger Mann in den Straßenschluchten des Businesszentrums Haribo-Goldbären an, die Tüten auf einem original Haribo-Werbeständer sorgfältig drapiert. Nur ein Stück weiter sticht aber bei jeder der morgendlichen Wanderungen ein anderer Stand ins Auge. Er bietet Halal-Katzenfutter an, also tierische Kost, die nach islamischen Regeln fabriziert wurde (so wie die indonesischen Haribos auch). Halal-Katzenfutter? Hauskatzen gibt es hier nur wenige. Die meisten Katzen streunen als elende, verlauste Kreaturen umher und konkurrieren mit den fast gleichgroßen, aber zahlreicheren Ratten um die Essensabfälle im Müll, den Hausbesitzer traditionell von ihrem Grundstück buchstäblich auf die Straße kippen. Zwischen halal und haram („verboten“) unterscheiden sie nicht.

Der Halal-Trend macht auch vor Tierfutter nicht halt

Frömmelei ums Katzenfutter verwundert in einer Stadt, in der einem die Sünde an der nächsten Straßenecke erwartet. Sie hat aber einen Kern, der deutschen Nahrungsmittelunternehmen derzeit Kopfzerbrechen bereitet. Denn wer in Indonesien seine Produkte verkaufen will, benötigt demnächst ein Halal-Zertifikat. Es soll sicherstellen, dass nicht nur die Zutaten mit islamischen Regeln konform sind, sondern auch die Produktionsanlagen und Transportbehälter. Noch gibt es keine Durchführungsbestimmungen für das entsprechende Halal-Gesetz von 2014. Doch Beobachter fürchten, dass die Auslegung strenger werden könnte als in den Golfstaaten. Eine Abfüllanlage, durch die nicht fachgerecht Geschlachtetes läuft – haram. Ein Container, in dem jemals Schweinefleisch verfrachtet wurde – haram. Und Automobilkonzernen wird bange beim Gedanken, aufwendig nachweisen zu müssen, dass ihre Sitzpolster nicht aus Schweinehaut sind. Die japanische Elektronikmarke Sharp ist in vorauseilendem Gehorsam bereits mit einem Halal-Kühlschrank vorgeprescht.

Wer das pragmatische Alltagsleben der Indonesier zwischen Moschee und Mascara kennt, wird das Gefühl nicht los, dass nicht religiöse Inbrunst Treiber des Halal-Gesetzes ist. Unzählige Zertifizierer bieten ihre Dienste an – in einer Kultur, die Kick-Backs genauso wenig abgeneigt ist, wie der Halal-Katzenfutter-Verkäufer nach getaner Arbeit möglicherweise einem guten Feierabendbier. Schließlich bedarf auch die Frömmelei der Anreize. Den Katzen dürfte das alles egal sein, solange eine ordentliche Mahlzeit für sie drin ist.