15.10.2018

Von falschen Römern (und der Glaubwürdigkeit chinesischer Quellen)

Von Stefanie Schmitt, GTAI Beijing

Jüngst war ich in Xi´an. Xi´an war im 3. vorchristlichen Jahrhundert Hauptstadt des ersten vereinigten chinesischen Reiches unter Kaiser Qin Shihuangdi. Von seinem Namen leitet sich nicht nur unsere heutige Bezeichnung „China“ ab, er hinterließ darüber hinaus die weltberühmte Terrakotta-Armee. Auf Qin Shihuangdi folgte die Han-Dynastie, in deren Herrschaftsphase (mit kurzer Unterbrechung zwischen 207 vor bis 220 nach Christus) die Anfänge des legendären Seidenstraßenhandels datiert werden.

Beim Gang durch das Museum des mit dem UNESCO-Welterbestatus geadelten hanzeitlichen Weiyang-Palastes entdeckte ich eine Landkarte. Sie zeigte ein gigantisch, fast aufgeblasen wirkendes Han-Reich. Die Ausstellungsmacher hatten es nicht nur großzügig in alle Himmelsrichtungen „arrondiert“, sondern ihm überdies ein eher schmächtig wirkendes Römisches Reich gegenüberstellt.

Die Erklärung lautete wie folgt: „Im Jahre 166 nach Christus entsandte der römische Kaiser Marcus Aurelius (Regierungszeit 161 bis 180 nach Christus) eine Delegation nach Luoyang, um dem chinesischen Kaiser Huan Tribut zu zollen. Unter den Gaben befanden sich auch Elefantenstoßzähne. Dabei handelte es sich vermutlich um den ersten direkten Kontakt zwischen dem Römischen Kaiserreich im Westen und der Han-Dynastie im Osten. Er eröffnete eine neue Ära des kulturellen Austausches.“

Als alter Lateinerin deuchte mir die Vorstellung eines römischer Imperators, der dem Herrscher eines ihm weit entfernten Reiches Tributgeschenke darbringt, mehr als bizarr. Aber, wie ich schon die letzten Male schrieb: In China gibt es nichts, was es nicht gibt – gehen wir der Sache also nach: Und tatsächlich, wie mir eine befreundete Archäologie-Professorin versicherte, traf im Jahr 166 eine Gruppe an Kaufleuten am Hofe des Kaisers Huan  ein – nachzulesen im im 5. Jahrhundert zusammengestellten „Buch der Späteren Han“ (Hou Hanshu).

Die Händler behaupteten von sich, von „Andun“ (vermutlich für Marcus Aurelius Antonius), dem König von Daqin (Rom) geschickt worden zu sein. Allerdings waren sie nicht über den „klassischen“ Landweg, sondern per Schiff via Tonkin, dem heutigen Vietnam, eingereist. Als Geschenke führten sie Rhinozeros-Hörner, Elfenbein und Schildplatt mit sich. Vermutlich hatten sie die Gaben. die in den Augen der Zeitgenossen weder als besonders aufregend noch wertvoll galten, unterwegs irgendwo in Südostasien erworben. Der chinesische Chronist vermutete sogar, sie hätten die „echten“ Geschenke unterschlagen. Trotzdem war dem mit innenpolitischen Schwierigkeiten kämpfenden Huan die „Delegation“ höchst willkommen, bedeutete es für ihn doch einen gewaltigen Gesichtsgewinn, wenn ihm sogar der ferne Römerkaiser Geschenke darbringen ließ.

Der Haken bei der Sache ist nur: Eine offizielle Gesandtschaft aus Rom ist – außerhalb der chinesischen Geschichtsschreibung – nirgends belegt. Nicht-chinesische Historiker halten es sogar für wahrscheinlich, dass es sich bei den Kaufleuten nicht einmal um Römer gehandelt habe. Die falschen Römer hätten ihrerseits versucht, sich mit dem Titel einer „hochherrschaftlichen“ Gesandtschaft Prestige zu verleihen und sich so höhere Gewinne zu sichern.

Mit diesem Kniff war somit auf den ersten Blick allen geholfen. Nur der römische Caesar Marc Aurel dürfte sich noch heute im Grab herumdrehen beim Gedanken, zumindest der chinesischen Nachwelt als dem Himmelssohn Tribut zollender „Vassall“ im Gedächtnis zu geblieben zu sein – und dann auch noch mit „Ramsch-Geschenken“.

Bleibt die blasphemische Frage: „Wenn sich die offizielle Geschichtsschreibung schon schwer tut, Ereignisse in Frage zu stellen, die annähernd 2.000 Jahre zurückliegen, für wie belastbar dürfen dann offizielle Aussagen zu aktuellen Themen gelten (oder wie war das noch mit dem Primat der Politik)?