15.06.2018

Friedhof der Kuscheltiere

Von Heiko Steinacher, GTAI Stockholm

Prachtboulevards aus der Gründerzeit, ein großes Schloss, verwinkelte Altstadtgassen, grüne Freizeitinseln – Stockholm hat seinen Besuchern wahrlich viel zu bieten. Was die wenigsten jedoch wissen: Die schwedische Metropole ist auch ein Hingucker für Hundeliebhaber, vor allem für solche mit einem Hang zur Extravaganz. Stärker noch, als ich es von deutschen Großstädten kenne.

„Schau mal, schon wieder so ein designter Hund“, rutschte es mir gegenüber einer Kollegin heraus, mit der ich im Östermalm-Bezirk spazieren war. Kaisa lachte sofort laut los. „Es ist schon beachtlich, mit welcher Hingabe so viele Leute auf das Erscheinungsbild ihrer Vierbeiner achten“, versuchte ich meine Bemerkung zu rechtfertigen. Geschniegelt und gestriegelt, frisch frisiert und mit elegantem Hundegeschirr, so begegnen sie einem mit Frauchen oder Herrchen an spätestens jeder dritten Straßenecke.

Ein gewaltiger Markt, wie eine Studie der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften offenbart: Die Ausgaben der Schweden rund ums Heimtier, also für Futter, Veterinär und Zubehör, worunter auch Waren wie Hundeschuhe und Leckerlibeutel sowie Dienstleistungen wie die von Tiersalons fallen, haben sich zwischen 2003 und 2014 verdoppelt – auf umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. Eine stattliche Summe angesichts der schätzungsweise „nur“ etwa 2 Millionen Hunde und Katzen im Land.

„1x Pudel klassisch, bitte“

In einem gepflegten Stockholmer Tiersalon sind für einen klassischen Pudelschnitt schnell 75 bis 100 Euro fällig. Für einen Golden Retriever oder Bearded Collie reicht das oft nicht mal. Geld scheint bei der Pflege und beim „Verwöhnen“ der Vierbeiner aber nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Fellschnitt, Pfoten- und Krallenstyle erfreuen sich daher, gerade in eleganten Vierteln wie Östermalm oder Teilen von Vasastaden, einer besonders regen Nachfrage.

Rund die Hälfte der Tierhalter hat für Waldi & Co. eine Police gegen Krankheitsfälle abgeschlossen – Deutsche sind da wesentlich zurückhaltender, hierzulande macht dieser Anteil gerade mal 1 Prozent aus. Nicht zuletzt dank neuer Versicherungen ist daher auch die Zahl der Unternehmen und Fachkräfte, die mit Haustieren zu tun haben, in Schweden sprunghaft angestiegen.

Auch das Gastgewerbe verdient tüchtig mit. Damit dem Urlaub nach Mittsommer nur ja nichts entgegensteht, bieten Tierpensionen ihre Dienste an. Der Fachausschuss für Tierberufe (Djurbranschens yrkesnämd) hat herausgefunden, dass Schweden allein für Hundekrippenplätze und Tierpensionen jedes Jahr rund 100 Millionen Euro ausgeben. Und wer seinen Hund nicht ausführen kann, greift auf gewerbliche Gassigänger zurück. Der Anblick angestrengt wirkender Hundesitter im Schlepptau zahlreicher Fiffis und Bellos – wobei jedes Handgelenk schon mal sieben bis acht Zöglinge aushalten muss – ist in Schwedens Hauptstadt kein seltener. Geschäftsideen sind offenbar keine Grenzen gesetzt: Ob Yoga für Hunde im Szeneviertel Söder oder Hundeeis mit Ochsenlebergeschmack im Hunde-Café in Östermalm – die Stockholmer finden`s groovy.

Alles für den treuesten Weggefährten – von Anfang bis Ende

Eingangsbereich im ältesten Tierfriedhof Schwedens

Als ich mit Kaisa dann hinter dem Kaknäs-Fernsehturm in den Wald einbog, staunte ich nicht schlecht: Vor unseren Augen erstreckte sich plötzlich ein großer Tierfriedhof. Einer Hinweistafel zufolge der älteste seiner Art in Schweden. Das erste Haustier wurde dort Mitte des 19. Jahrhunderts begraben, vermutlich war es der geliebte Hund Nero des Schriftstellers August Blanche. Seither wurden dort um die 2.000 Hunde, Katzen, Papageien und Schildkröten, ja sogar ein Zirkuspferd beigesetzt. Das Pferd spielte 1957 im Filmdrama „Das siebente Siegel“ (Originaltitel: „Det sjunde inseglet“) von Ingmar Bergman mit.

Da begriff ich, dass Vierbeiner einfach mehr verdienen als Zuneigung, gutes Futter und Gassi gehen. „Aber hoffentlich stehen auch sie auf Design, und nicht nur ihre Besitzer“, sagte ich Kaisa noch beim Abschied an der Bushaltestelle. Meine Begleiterin lächelte. „Beruhige dich“, tröstete sie mich, schmunzelnd.